Ich möchte Ihnen eine Geschichte über mich erzählen.

Verfolgung, strukturelle Gewalt, private Gewalt, schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen, Armut, die sexuelle Orientierung!

Das ist das, was die meisten Flüchtlinge anführen wenn Sie nach dem Grund, warum Sie Ihre Heimat verlassen, gefragt werden.

Nur was bringt eine Flucht? Dadurch ändert sich im Heimatland sicher nichts!

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, den, in Geschichten erzählen, bin ich gut, so sagt man.

1958 wurde ein Kind geboren, sicher ist dies nichts Besonderes und es gab viele neu geborene Kinder, aber dieses Kind war ich.

Nach meinen ersten Jahren auf diesem, damals noch wunderschönen Planeten, stellte ich irgendwann fest, ich bin anders, ich fühlte anders!

In der Schule war ich Anlass für eine große Aufregung, es wurde sogar eine Anfrage bei der Landesschulbehörde gestellt, denn es war an der Zeit, sich eine Schul AG auszusuchen.

Jungs gingen zum Fußball, Mädchen zum Kochen, so war es, soweit die Lehrer sich zurückerinnern können.

Ich hatte mich für das Kochen eingetragen, ich war der erste Junge, der Kochen wollte. Die Lehrer waren sich nicht sicher, ob ein Junge überhaupt am Kochunterricht teilnehmen durfte.

Nach zwei Wochen kam ein Schreiben vom Land, ich durfte teilnehmen.

Soweit ich zurückdenken kann, schaue ich den Jungs hinterher, ich verliebte mich in ihr Gehabe und Getue, in die Art, wie sie sich bewegten, wie sie sprachen.

Ich war fasziniert von den Rundungen und Kurven meiner Mitschüler, ich war hin und weg von ihrem Aussehen von ihrem Geruch.

Die ersten sexuellen Versuche mit einem Jungen hatte ich mit ungefähr 10 Jahren unternommen.

So stellt ich schon recht früh fest, Jungs sind meine große Liebe.

Die Zeit verlief wie im Fluge und ich probierte mich immer mehr aus, wechselte Freunde (heute würde ich sagen „Liebhaber“) und experimentierte in der Art der Liebesspiele.

Einige Freunde übernachteten auch schon mal bei mir, wir schliefen zusammen in einem Bett. Natürlich ist es so auch zu Zärtlichkeiten und Liebkosungen gekommen.

Irgendwann war es denn soweit, mein Vater stand in der Tür und ertappte uns.
Es war nicht nur eine peinliche Situation, nein, sie war auch sehr einschüchternd.

Mein Vater sprach von Krankheit, von unmoralisch und verbotenen.
Es gab eine Riesen Standpauke, etwas hinter die Ohren aber dann geriet alles in Vergessenheit. Natürlich waren Übernachtungen von Freunden zukünftig ausgeschlossen.

Irgendwann war es dann soweit, ich hatte einen neuen Freund und wir hatten uns, zum Liebesspiel, auf der Toilette eingeschlossen. Natürlich kam in dem Moment mein Vater um die Ecke und erwischte uns.
Schon gab es ärger, eine ordentliche Abreibung (für die jüngeren, es gab Schläge und das nicht nur ein der zwei) und es wurde mit den Eltern des anderen Jungen beschlossen, dass man unbedingt einen Arzt aufsuchen muss.
Schließlich sind solche Gefühle ein Zeichen von Krankheit, geistige Unter- Fehlentwicklung und viele behaupteten das Homosexualität eine Verirrung und eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt.

Mein Vater, alleinerziehend, hatte bald den Vorfall vergessen, mein Freund hatte nicht so viel Glück. Auf Ihn wartete die psychiatrische Abteilung einer Klinik, der Hausarzt meinte, das kann man aus therapieren.
Um es kurz zu machen, mein Freund war 3 Monate in der Klinik und wurde als geheilt entlassen. Sie hatten recht, ich traf ihn 2 Wochen nach seiner Entlassung, seine Mutter schob ihn im Rollstuhl sitzend durch die Straßen.
Seine Mutter sprach nicht viel mit mir, ich war ja der Grund, warum ihr Sohn krank ist. Mein Freund sah mich nur an, wobei ihm der Speichel aus dem Mund lief. Was war passiert? Vielleicht ein Elektroschock ein Eiswasserbad zu viel,
Es könnten auch falsche oder zu hoch dosierte Medikamente gewesen sein.
Aber all das war ja egal, wichtig war, er hatte diese Gefühle zum gleichen Geschlecht nicht mehr.

Wenn wir uns die o.g. Gründe für eine Flucht ansehen, so treffen diese auch auf die Homosexuelle in der damaligen Zeit zu!

Verfolgung; Ja, Homosexuelle wurden verfolgt, von der Kirche, vom Staat, von den Nachbarn, am Arbeitsplatz, eigentlich überall.

Staatliche Gewalt: Ja, bis 1994 stand im Strafgesetzbuch die Homosexualität unter strafe.

Private Gewalt: Ja, eingeschmissene Fenster, Schläge auch schon in der Schule und auch von Lehrern.

Schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen: Ja, auch das kann bestätigt werden, es gab das Grundgesetz, hier stand etwas von Menschenwürde, von Gleichheit vor dem Gesetz.

Armut: Ja, Homosexuelle wurden wegen ihrer Orientierung ausgeschlossen, wenn bei der Arbeit raus kam, dass sie Homos sind, wurden sie entlassen.

Die sexuelle Orientierung: Ja, wer sich outet, hat das Recht verloren als Mensch behandelt zu werden.

Meine erste Erfahrung, wie meine Familie und meine Mitschüler, Lehrer und alle anderen mit meiner Homosexualität umgingen, machte mir Angst.

Wir konnten auch mit keinem sprechen, wenn wir sagten, wir sind schwul, bestand immer die Gefahr das etwas passiert.

Um so schöner war es, als wir gleichgesinnte getroffen hatten, das wahren zwar Erwachsene, die hatten Berufe wie Kaufmann, Lehrer usw. doch die konnten uns verstehen.

Hier hatten wir jetzt vertraute, wir konnten Fragen stellen und bekamen Antworten, wir brauchten keine Angst haben, wenn wir schmusten, wenn wir ins Nebenzimmer gingen um Sex zu machen.

Und Sie zeigten uns auch, was liebe ist und wie Sex wunderschön sein kann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich traf die Mutter meines Freundes nach zwei Jahren wieder, mein Freund, meine erste große Liebe hat es nicht geschafft, die Eltern kamen mit ihren Gefühlen, einen schwulen Sohn zu haben, nicht klar und sie waren mit der Pflege überfordert. Mein Freund starb an Unterernährung und mangelnde Pflege.

Ich war nicht so mutig wie mein Freund und andere aus meiner Umgebung, sie standen auf, sagten, was und für wen sie fühlen. Einer nach dem anderen verschwand, Stück für Stück wurde sie von der Straße weg eingesperrt in Gefängnissen, eingewiesen in die Psychiatrie zur Behandlung mit Eiswasser und Elektroschock. Manch einen hat es noch härter getroffen, denn eine Art die Homosexualität zu bekämpfen, war die Sterilisation.

Natürlich dachten wir an Flucht, an abhauen von zu Hause und einige Male taten wir das auch, versteckten uns in leeren Häusern, stahlen das, was wir zum Leben brauchten.

Doch irgendwann war auch das wieder vorbei.

Einmal, mein Freund und ich liefen durch die Straßen, da hielt eine Polizeistreife, wir sind aufgefallen, weil wir Hand in Hand gelaufen sind. Die Polizei fragte, ob unsere Eltern das wüssten, und brachten und nach Hause. Hier erzählten die Beamten natürlich von der strafbaren Handlung, die wir begangen hatten.

Von unseren erwachsenen Freunden wussten wir mittlerweile, dass Homos nirgends gern gesehen sind, eine Flucht ohne einen Ort wo man willkommen ist, macht keinen Sinn.


Mein Weg war anders, aber ich weis nicht, ob dieser auch besser war!

Ich versteckte mich hinter einer gespielten Normalität, nach außen zeigte ich nicht, was ich fühlte, ich achtete darauf, dass mich keiner sah, wenn ich einem Jungen auf den Hintern geschaut habe, die Nähe zu einem Jungen suchte.

Was macht diese Furcht aus einem jungen Menschen wenn man bei jedem Schritt bei jedem Blick, bei jedem näher kommen, Angst hat.

Ich hatte eine Freundin, sie ging in meine Klasse, sie wusste von meinem Schwulsein.

Meine Klassenkameraden beneideten mich, sie war das schönste Mädchen der Klasse, sie hatte lange Haare, eine Top Figur, ein kleiner Busen zeigte sich schon durch Ihre Bluse.

Wir tobten und balgten und es gab dabei keinen Körperteil, den wir dabei nicht berührt haben.

Aber es war nicht so wie mit meinem Freund oder mit den anderen Jungs, wenn wir tobten.

So verging die Zeit.

Ein ganz normales Leben, ich heiratet, mit meiner Frau hatte ich drei Kinder und heute bin ich neunfacher Opa.

Ich habe wundervolle Kinder und Enkel, ich bin stolz auf jedes einzelne und ich möchte auch kein davon missen.

Aber und damit komme ich auf meine Frage zurück „was macht die Furcht mit einem Menschen“ wenn man diese Furcht 50 Jahre lang ertragen ja erleiden muss?

Auch heute noch schaue ich wenn ich, einem Jungen hinterherschaue, wenn ich davon träume, wie es währe mit Ihm zusammen zu sein.

Ich war selbstständig und so hatte ich die Möglichkeit mich mit hübschen Jungs zu umgeben.

Bei der Einstellung achtete ich darauf das die, wie sagt man so schön, Chemie stimmt. Die Merkmale eines Jungen, die mir gefielen, wahren schöne und gepflegte Hände, ein süßer Po, ein bisschen feminin, einen schönen Körper. 

So konnte ich mir, wenn auch immer nur für kurze Zeit, einen schönen Anblick und eine nette Unterhaltung verschaffen.

Gut, die meisten dieser Jungs hatten zu Hause eine Freundin, aber für diesen Moment war ich ihr Mittelpunkt, wir unterhielten uns und vergaßen hier und da auch schon mal die Arbeit.

Träumen, als Homo der alten Zeit lernte man zu träumen und von seinen Erlebnissen zu zehren.

Meine Frau hat, glaube ich etwas geahnt, wir hatten immer weniger Sex, immer weniger Gemeinsamkeiten, ich suchte Ausreden und fand irgendwann keine mehr.

Wir trennten und zogen wieder zusammen, aber da war nichts mehr, was mich in der Beziehung gehalten hätte.

Die Angst ist immer noch da, zwar gibt es heute die Ehe für alle und die Homos sind anerkannt aber, es gibt immer noch Mediziner, die sagen das ist krank das können wir therapieren. Auch bei der Politik ist die Homosexualität als sexuelle Ausrichtung umstritten, was ist, wenn die Mehrheiten sich ändern, die falschen Parteien an die Macht kommen?

Angst, nein, aber ich habe immer noch ein beklemmendes Gefühl, wenn ich in ein Krankenhaus muss, wenn die Polizei an mir vorbeifährt oder sich die Leute auf der Straße über die Homos als Untermenschen und krank sprechen.

Von einer Anerkennung der Homosexualität sind wir noch sehr weit entfernt.

Was macht die Angst aus einem Menschen?

Eins weiß ich, jeder, egal welche sexuelle Ausrichtung er, der Mensch hat, ob die erlaubt oder noch Verboten ist, es bleibt ein Mensch und muss auch so behandelt werden. Jeder Mensch, egal welche sexuelle Ausrichtung er hat, braucht Menschen, mit dehnen er reden kann. Menschen die ihm, dem Menschen, geduldig zuhören, ihm, dem Menschen, keine Ratschläge erteilen, sondern einfach nur da sind für ihn, dem Menschen.

Flucht ändert nichts, feige sein und erleiden was passiert, ist zwar möglich, ändert aber auch nichts.

Meine erste große Liebe hat, auch wenn er dadurch gestorben ist, für das gekämpft, was er für richtig hielt, woran er glaubte -die Liebe zu seinem Freund, zu mir!